Weinregion: Dão

DOC DÃO
Die nach dem gleichnamigen Fluss benannte Region Dão zählt zu den hochkarätigsten Weinbaugebieten der gesamten Iberischen Halbinsel. Die DOC mit 20 000 ha Rebfläche erstreckt sich zum großen Teil über hügeliges bis gebirgiges Gelände und kann durchaus als Hoch-landanbaugebiet bezeichnet werden. Die klimatische Situation und die kargen Granitböden machen ihre eigentliche Klasse aus. Die Bedingungen für Qualitätsweinbau sind ideal. Ist die notwendige Kellertechnik gegeben, können hervorragende Weine bereitet werden. Selbst in einem mäßigen Jahr brauchen Dão-Rotweine weder Aufsäuerung noch eine Anreicherung der Moste, um den Alkoholgehalt nach oben zu korrigieren. In dieser Hinsicht bietet Dão dem Winzer natürliche Voraussetzungen, die in Europa beileibe nicht überall zu finden sind.

Geschichtliches
Schon in vorchristlicher Zeit wurde innerhalb der Grenzen des heutigen Dão Wein produziert. Viseu, die schmucke Kapitale des Gebiets, befand sich im Zentrum der damaligen römischen Provinz Lusitania. So liegt die Vermutung nahe, dass der Weinbau hier rasch Verbreitung fand. Bereits im späten Mittelalter muss die Produktion bedeutend gewesen sein. Der feste, tieffarbige Charakter bewog auch die Franzosen während der verheerenden Reblaus-plage im 19. Jahrhundert, Dão-Weine einzukaufen. Ihr ausgewogenes Verhältnis von Säure, Frucht und Alkohol und das daraus resultierende sehr gute Reifepotenzial rückten die roten Dão-Gewächse von ihrem Profil her in die Nähe der Weine aus dem Bordelais.

Schwierige Zeiten
Dass es das Dão-Gebiet trotz seiner eigentlich hervorragenden Voraussetzungen lange nicht geschafft hat, in die Elite der europäischen Rotwein-Appellationen aufgenommen zu werden, hängt im Wesentlichen mit der unglücklichen Entwicklung zusammen, welche die portugiesische Weinwirtschaft bis zum Ende der Diktatur im vergangenen Jahrhundert durchlaufen hat. Die heutigen geografischen Grenzen des Gebiets wurden zwar schon 1908 abgesteckt, als es zur Região Demarcada erhoben wurde, doch ein dauerhaftes Profil konnte sich nicht entwickeln. Wie in vielen anderen Anbaugebieten Südeuropas erschwerten die Sünden der Nachreblaus-Ära zunächst den Neuanfang. Portugals große rote Traube Touriga Nacional stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus Dão — das gleichnamige Dorf weist auf ihren Ursprung hin. Die Sorte galt bis zum Beginn der Reblaus-katastrophe als rote Haupttraube in der südlichen Beira Alta und somit auch in Dão. Doch da nach der annähernd kompletten Vernichtung des Rebbestands die schnelle Wiederbepflanzung der Weinberge im Vordergrund stand, legte man viele Flächen mit weniger hochwertigen, ertragsintensiveren Sorten an. Bastardo und Tinta Pinheira breiteten sich aus, und die Touriga erlangte nie mehr die Gewichtung, die sie bis Ende des 19. Jahrhunderts im Gebiet innegehabt hatte. Dennoch konnte sich Dão in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zumindest im eigenen Land einen Namen machen. Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs erlahmte die Nachfrage jedoch, und das Gebiet geriet vorübergehend in Vergessenheit.

Die Macht der Genossenschaften
Die schwerwiegendsten Auswirkungen hatte jedoch das Aufkommen der ersten Genossenschaften gegen Ende der Vierzigerjahre. Sie dominierten das Gebiet in einem derartigen Maß, dass die Nachwirkungen bis heute deutlich zu spüren sind. Die Produktionsmenge der Kooperativen machte zeitweise bis zu 95 % der Gesamtproduktion aus. Schuld waren unter anderen gesetzlichen Bestimmungen, welche den Privatgütern verboten, sich mit Fassweinen bei anderen Winzern zu versorgen. Die restriktive Geldpolitik in den Zeiten der Diktatur machte es den Genossenschaften einerseits unmöglich, sich mit zeitgemäßer Technik auszustatten. Andererseits sogen insbesondere die Kolonien kritiklos die anspruchslosen Weine dieser Epoche auf. Der Ehrgeiz, gutes Lesegut zu ernten beziehungsweise Weine mit einem gewissen Anspruch zu bereiten, war den einfachen Weinbauern ebenso fremd wie den Führungskreisen der Genossenschaften. Auch wenn man die Leistung der Kooperativen, die einfachen Weine an der Basis zu verbessern, würdigen muss, so ist doch festzustellen, dass niemand weiter gehende weinmacherische Ambitionen hatte. Dão versank in einem Meer gesichtsloser Gewächse. Heute geben sich auch einige der Genossenschaften durchaus anspruchsvoll. Bemerkenswert dichte Weine produziert etwa die Adega Cooperativa de Penalva. Neben einer feinen Reserva-Cuvée aus Touriga Nacional, Tinta Roriz (Aragonez), Alfrocheiro und Jaen kann die Kellerei auch mit einem markant-konzentrierten, bodenbetonten reinsortigen Touriga Nacional aufwarten.

Wo das Grün beginnt
Landschaftlich ist die Appellation ein Erlebnis. Fährt man von Osten an Guarda vorbei in Richtung Küste, kann man die Anfänge des Gebiets genau ausmachen. Dão beginnt, wo das Grün beginnt. Keinem anderen Anbaugebiet Portugals haftet eine solche Aura von intensiver Fruchtbarkeit und südlichem Flair an wie dieser DOC zwischen der trockenen iberischen Meseta und dem feuchten Atlantik. Nirgendwo im Land verschmilzt felsige Wildheit so mit gepflegter Kulturlandschaft wie in Dão. Fast überall passiert man riesige, wie von Gigantenhand achtlos dahingeworfe Granitbrocken, dann wieder besticht das Land mit einer bunten, harmonischen Mischkultur aus Pinien, Oliven und Wein. In den Obstgärten stehen Palmen und Orangenbäume. Die kleinen Städte, vom Pflaster über die Adelshäuser bis zu den Sakralbauten von Granit geprägt, sind Perlen ländlicher Architektur.

Granit und Sand, Hitze und Kühle
Die Winzer haben immer die Nachbarschaft des Waldes gesucht. Wo Bäume die Erde festhalten, dort gibt es auch Grund für die Reben — denn die haben es nicht überall leicht. Über 95 % der Anbaufläche besteht aus sandigen Granitböden, an manchen Stellen mit Schiefer durchstoßen. Die Schicht fruchtbarer Erde ist mitunter sehr dünn. Je höher das Gelände ansteigt — in den Ausläufern der Serra da Estrela gehen die Pflanzungen bis auf über 1000 m hoch —, desto extremer werden die Bedingungen. Spätfröste, große Temperaturschwankungen von Tag zu Nacht, heiße, trockene Sommer und kalte Winter prägen vor allem den Ostteil des Gebiets. Regen fällt indes genug. Bis zu 1000 mm können im Jahr niedergehen. Das Besondere an Dão ist, dass für alle Unbilden eine ausgleichende Kraft wirksam wird. Den extrem trockenen Sommern steht ein äußerst feuchter Winter entgegen, die heißen Sommertage erfahren Abkühlung durch kühle Abendwinde aus den Serras, die kleinteiligen Mischkulturen halten den Humus fest und schützen das Land damit vor der Versteppung, die in so vielen Teilen der Iberischen Halbinsel die alten Kulturlandschaften bedroht.

Kleine Parzellen
Typisch für das Dão-Gebiet ist die Kleinteiligkeit der Landwirtschaft, und nicht jeder Weinmacher hat daran seine helle Freude. Nach wie vor liegt die durchschnittliche Rebparzellengröße unter einem Drittel Hektar. Aufgrund der verschlungenen Erbschaftssituationen in vielen Familien ist Zukauf fast nicht möglich. Pachten ist nicht weniger problematisch, da das Bestellen der Miniparzellen für die Erzeuger sehr kostenintensiv ist. Für Pachtzahlung an die Kleinbesitzer bleibt kaum etwas übrig.

Der Weg in die Moderne
Der Neuanfang in Dão begann schließlich um 1980. Bis dahin hatten die meisten Quintas nur Trauben produziert. Alleine beim Adel gab es eine Tradition im Bereiten eigener Weine. Befreit von den Fesseln der Diktatur, nutzten immer mehr Quinta-Besitzer den beginnenden Kapitalfluss und begannen mit der Umbestockung von Reben. Seitdem haben Jaen, Touriga Nacional, Aragonez (Tinta Roriz), Tinto Cão und Alfrocheiro Preto die Protagonistenrollen im roten Sortenfächer zugewiesen bekommen. Alvarelhão, Rufete, Bastardo und Trincadeira (Tinta Amarela) vervollständigen das Bild. Die in Dão eher unbeliebte Baga-Traube verschwand dagegen zusehends von der Bildfläche. Bei den weißen Trauben stehen Bical, Cerceal, Encruzado und als flächenmäßig wichtigste Sorte Malvasia Fina im Vordergrund, ergänzt durch Barcelo, Rabo de Ovelha, Terrantez, Uva Cão und Verdelho. Diese Neustrukturierung des Sortenspiegels erklärt, warum in Dão nur wenige wirklich alte Pflan¬zungen existieren. Überhaupt schnitt man die Nutzung der land-wirtschaftlichen Ressourcen vieler Quintas erst in diese Zeit auf den Weinbau zu. Vorher war der Schwerpunkt oftmals auf anderen Agrarprodukten gelegen.

Bewährte Methoden und neue Technik
In dieser Zeit orientierte sich beispielsweise die zwischen Mangualde und Nelas gelegene Quin¬ta dos Roques neu. Moderne, auf Draht gezogene Rebanlagen, eine neue Kellertechnik, Kühlanlagen und der Einsatz von Barriques ermöglichten die Geburt eines Spitzenweinguts im Herzen von Dão. Wie bei vielen anderen Quintas bedeutete der technische Neuanfang jedoch keineswegs gleichzeitig einen Verzicht auf althergebrachte Techniken. Die alten Gär-becken aus Granit, Lagares genannt, sind nach wie vor für die Bereitung einiger Spitzenqualitäten in Gebrauch. Seit 1992 vinifiziert die Quinta dos Roques auch die Trauben der inzwischen zu Ruhm gelangten Quinta das Maias, 30 km östlich in den Ausläufern der Serra da Estrela gelegen. Während in Roques reifere Weine auf Touriga-Nacional-Basis entstehen, unterstützt das kühlere Klima der Quinta das Maias elegantere Jaen-Weine. Beide Quintas stehen für klare, strukturierte und sehr mineralische Qualitäten. Die Sorte Jaen entspricht im Übrigen der Mencía im Nordwesten der spanischen Nachbarregion Castilla y León, wo sie in der DO Bierzo ebenfalls mineralische Gewächse hervorbringt. Viel Mühe wird auf den Aufbau der Weißwein-qualitäten verwandt. Ein ansprechendes Profil zeigt beispielsweise der Encruzado Branco der Quinta das Maias mit seiner erdigmineralischen Art. Dass einige der Weißweine inzwi schen Alterungspotenzial haben, glaubt man dem Mitbesitzer und Geschäftsführer des Guts, Luís Lourenço, aufs Wort. Der ehemalige Mathematikprofessor gehört der portugiesischen Vereinigung Independent Winegrowers Association an, deren Mitglieder gemeinsam die Quinta-Kultur hochhalten, keine Trauben zukaufen und nur heimische Rebsorten vinifizieren. Zu dieser engagierten Gruppe zählt außerdem die Quinta de Covela aus dem Minho, das Weingut Casa de Cello, das im Vinho-Verde-Gebiet und in Dão produziert, der Douro-Star Alves de Sousa, Baga-Meister Luís Pato aus Bairrada sowie einer der besten Loureiro-Produzenten des Minho, Quinta do Ameal. Ein weiteres Quinta-Doppelgespann stellen die Anwesen Quinta da Pellada und Quinta de Saes dar. Weinmacher Álvaro de Castro, der mit seiner Familie die Güter bewirtschaftet, verkörpert das moderne Dão wie kein anderer: unkonventionell, experimentierfreudig, qualitätsbesessen und sehr selbstbewusst. Von der Qualität seines Terroirs überzeugt, konzentriert er sich auf Frucht, Tannin und Mineralität, setzt im Wesentlichen gebrauchtes Holz ein und ist weder neuer Technik noch traditionellen Weinbereitungsmethoden abgeneigt. Unbestreitbare Klasse zeigen seine reinsortigen Touriga-Nacional-Weine der Marke Quinta da Pellada, die sehr fest und kraftvoll wirken, alle gesegnet mit einem wunderbar ausdrucksvollen, körnigen Tannin. Sein »double oaked« Top-Touriga des Labels Carrocel, der über Saftabzug konzentriert und offen vergoren wird, anschließend erst in neuem Holz die biologische Säureum-wandlung hinter sich bringt und danach in neuer Eiche lagert, ist mit seiner Komplexität, seiner Tiefe und Länge eindeutig Weltklasse. Sehr ansprechend ist auch die Pellada-Cuvée aus Touriga Nacional und Tinta Roriz (Aragonez), die mit saftiger und beeriger Art beeindruckt. Einige der Gewächse der Quinta de Saes wirken vergleichsweise feiner und leichter, insbesondere das Tannin zeigt sich geschliffener.

Erdige Kraft
Eine gewisse Verwandtschaft zum »Álvaro-de-Castro-Stil« bezüglich der Kunst, die schwarze Frucht der Touriga voll zur Geltung kommen zu lassen, lässt sich bei der kleinen Quinta do Corujão nicht leugnen, doch wirken ihre Weine erdiger und ursprünglicher. Auch hier wird eine »double-oaked«-Qualität auf der Basis von Touriga Nacional bereitet. Der Wein wirkt mächtig und fleischig, Holunder und andere schwarze Beeren dominieren das intensive Bukett. Geballte Kraft verströmen aber auch der pfeffrig-fleischige Garrafeira sowie der erdig-teerige, mit einer faszinierenden Länge ausgestattete Grande Escolha.

Unterregionen
Eine der großen Stärken der Region Dão liegt in der Verschiedenheit des Terrains. Nicht umsonst ist die DOC in sieben Teilgebiete untergliedert, die sich auf jeweils beiden Seiten des Rio Mondego und seiner Zuflüsse Dão und Alva erstrecken: Alva, Besteiros, Castendo, Serra da Estrela, Silgueiros, Terras de Azurara und Terras de Senhorim. Die Weinberge liegen meist auf einer Höhe von 400 bis 700 m. Die Appellation ist dennoch gut geschützt, denn sie wird fast komplett von Gebirgsketten wie der Serra da Estrela im Osten oder der Serra de Buçaco im Westen eingeschlossen. Als hervorragend gilt die Unterzone Serra da Estrela im Osten, wo die Jaen-Traube zur Hochform aufläuft. Die lang scheinende Abendsonne beschleunigt die Reife der Trauben in der letzten Erntephase. Mindestens ebenso begehrt sind auch die Lagen im zentral gelegenen Teilgebiet Silgueiros unweit von Viseu. Die Südhänge rechts des Dão-Ufers mit guter Morgensonne bringen mit die besten Touriga-Nacional-Gewächse hervor.

Viele Quintas unter einem Dach
In der Unterzone Silgueiros befindet sich mit der Casa de Santar eine der historischen Dão-Kellereien. Zusammen mit Santos Lima hielt dieser Betrieb selbst in den dunkelsten Zeiten des 20. Jahrhunderts die Fahne der Qualitäts-weinproduktion im Gebiet hoch. Heute gehört das wunderschöne geschichtsträchtige Gut im Städtchen Santar zur Gruppe Dão Sul, einem der großen Weinerzeuger in Portugal mit 700 ha Rebfläche in Dão, Bairrada, am Douro und in der Estremadura. Unlängst hat Dão Sul mit 200 ha Rebgelände auch die Weinproduktion in  Brasilien aufgenommen. Carlos Lucas, Teil-haber und »Gesicht« der Gruppe, begann seine Laufbahn in der Genossenschaft von Nelas und begann dann in Eigenregie mit Adegas Dão Sul in der Gemeinde Carregal do Sal im Teilgebiet Terras de Senhorim, dem Zentrum des Anbaugebiets. Heute untersteht ihm mit der Quinta do Cabriz die wohl populärste Kellerei der Region Dão. Die zahlreichen und sehr erfolgreichen Marken des mittleren Segments werden von den beiden Premiumweinen Casa de Santar Conde und Quinta de Cabriz CCCC angeführt. 2002 erwarb das Unternehmen eines der schönsten Anwesen des Landes: Paço dos Cunhas umfasst einen imposanten Adelspalast und eine alte Kellerei mit historischem Granit-Lagar. Die dazugehörige Weinmarke lautet Paço dos Cunhas de Santar. Hält der Dão-Boom an, dürfte sich das mit historischen Gebäuden gespickte Städtchen Santar zu einem der sehenswertesten Weinzentren Portugals entwickeln. Die homogenen Granitböden und das kontrastreiche kontinentale Klima garantieren hervorragendes Terroir. Dão Sul besitzt mit der 100-ha-Anlage der Casa de Santar den wohl größten zusammenhängenden Weinberg in Dão. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Region Beiras mit ihren Hochlandgewächsen aus den DOCs Dão und Beira Interior, aber auch den erstaunlichen Baga-Weinen aus der DOC Bairrada ein Hort der alterungsfähigen Weine Portugals ist. Wohl nirgendwo im Land findet sich so viel geballtes Potenzial wie hier.


Quelle: "Portugal und seine Weine" - Gräfe und Unzer Verlag GmbH