Weinregion: Lisboa

Mit neun DOCs und den Vinho-Regional-Weinen zählt die abwechslungsreiche Region zu den wichtigsten Anbaugebieten des Landes

Die Lissabonner befinden sich in einer beneidenswerten Lage. Sie sind sozusagen von Weinbergen umgeben — ein Luxus, den man kaum in einer anderen Hauptstadt Europas, womöglich sogar der ganzen Welt, vorfinden kann. Nach gut einer halben Stunde Autofahrt ist man schon inmitten von Rebflächen und kann bei Weingütern auf Shopping-Tour gehen. Das macht Spaß und wird besonders an den Wochenenden gerne genutzt, manchmal sogar nach Feierabend. Doch was für die Hauptstädter angenehm ist, muss für die Winzer, speziell für die engagierten Weinmacher unter ihnen, nicht unbedingt von Vorteil sein. Denn viele Ausflügler sind nur auf der Suche nach billigen Tropfen, die sie dann kanisterweise in ihren Kofferraum laden. Auch diese Art Weintourismus sorgt zwar für Umsatz, bringt aber die Gefahr mit sich, weniger qualitätsorientierte Winzer zur Produktion von Weinen zu verführen, über die man besser den Mantel des Schweigens breitet. Lange Zeit war dies ein großes Problem für die Estremadura und stand der Entwicklung zu dem auch international ernst zu nehmenden Weingebiet, das sie heute ist, im Weg.

INFORMATIONEN ZUR REGION
ESTREMADURA

Lage: Auf einem Streifen entlang der Atlantikküste im Westen Portugals, der von Lissabon gut 150 km weit nach Norden reicht.
Rebfläche: ca. 30 000 ha.
Appellationen: DOC Encostas de Aire (mit den Sub-Regiões Alcobaça und Ourém), DOC Alenquer, DOC Arruda, DOC Bucelas, DOC Carca-velos, DOC Colares, DOC Torres Vedras, DOC Óbidos und DOC Lourinhã. Die Landwein-Ap-pellation heißt Vinho Regional Estremadura (auch für Likörwein).
Wichtigste Rebsorten: weiß: Arinto, Fernão Pires, Galego Dourado (v. a. für Likörweine der DOC Carcavelos), Malvasia (v. a. für die DOC Colares), Rabo de Ovelha, Ratinho, Seara Nova, Tamarez, Vital. Für Aguardentes der DOC Lourinhä sind Alicante Branco, Alvadurão, Boal Espinho, Marquinhas, Malvasia Rei und Tália zugelassen; rot: Aragonez (Tinta Roriz), Baga, Castelão, Preto Martinho (v. a. für Likörweine der DOC Carcavelos), Ramisco (v.a. für die DOC Colares), Tinta Miúda, Touriga Nacional und Trincadeira. Für Aguardentes der DOC Lourinhã ist Cabinda zugelassen.
Besonderheiten: Trotz der vielen DOC-Appellationen entfällt das Gros der Produktion auf Weine mit der Bezeichnung Vinho Regional Estremadura, teils mit hervorragender Qualität.


MILDES KLIMA
Die Region Estremadura liegt im Westen Portugals an der Atlantikküste. Von Lissabon zieht sie sich entlang eines Küstenstreifens, der an keiner Stelle breiter als 40 km ist, nach Norden etwa bis auf die Höhe von Coimbra. Das Klima ist durch die Lage am Atlantik bestimmt, mit sehr milden Wintern und wegen der südlichen Lage relativ heißen Sommern, jedoch bei Weitem nicht so heiß wie im Inneren des Landes. Da meist ein kühler Wind vom Atlantik her weht, gibt es nur wenige Tage mit extrem hohen Temperaturen. Allerdings dringen auch die vom Ozean gelegentlich herannahenden Stürme bis ins Hinterland vor, weshalb einige Weinberge hinter Bambushainen vor den starken Winden geschützt werden müssen. Dafür regnet es selbst im Sommer gelegentlich, so dass die Reben ausreichend mit Wasser versorgt sind. Insgesamt herrschen also gute klimatische Bedingungen für den Weinbau — und paradoxerweise brachte gerade das, in Verbindung mit dem Durst der Hauptstädter, das Gebiet weinwirtschaftlich fast an den Rand des Ruins.

VOM MASSEN- ZUM QUALITÄTS-ERZEUGER
Die Region Estremadura war und ist aufgrund ihrer Produktionsmenge eines der wichtigsten  Weinbaugebiete Portugals. Vor knapp zwei Jahrzehnten nannte man dieses Gebiet noch schlicht Oeste, Westen, und betrachtete es im restlichen Teil des Landes vor allem als Erzeuger von großen Mengen billigem Fasswein. Das kam nicht von ungefähr, schließlich hatte die Estremadura früher einen Anteil von etwa 25 % an der gesamten Weinproduktion Portugals. Das meiste davon landete allerdings als Verschnitt in irgendwelchen Alltagsweinen von bestenfalls zweitrangiger Qualität. Masse vor Klasse — mit diesem Motto konnten die Winzer der Region Estremadura über einen langen Zeitraum hinweg gut leben und ordentliche Einkünfte erzielen, solange der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch der Portugiesen, vor allem aus dem Gebiet in und um Lissabon, beinahe die 100-Liter-Marke berührte. Aber durch ein geändertes Konsumverhalten in Verbindung mit höheren Anforderungen an den Weingeschmack mussten sich die meisten Weinkellereien und Winzer umstellen, um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern.

Neu entdeckte Möglichkeiten
Da erst zeigte sich, dass das Qualitätspotenzial der Region lange Zeit brachgelegen hatte und auch unterschätzt worden war. Denn dank einer tief greifenden Neustrukturierung der Weinbauflächen, unterstützt von Investitionen in die Kellerausstattung, zählt die Estremadura mittlerweile zu den Anbaugebieten mit dem besten Preis-Geschmacks-Verhältnis. Ein Ende der Qualitätsoffensive in der aufstrebenden Region ist noch nicht abzusehen.

Neues Selbstbewusstsein
Tatsächlich haben neben dem erwachten Ehrgeiz alter und neuer Winzer auch eine Reihe sinnvoller Änderungen hinsichtlich des Ab-füllens zum einen sowie weinbaulicher Vorschriften zum anderen dazu beigetragen, dass die Region auf dem besten Weg ist, endlich auch international wieder durchzustarten. Immerhin wurden schon im 19. Jahrhundert viele Weine für den Export produziert. Gleichzeitig — und auch noch einige Zeit danach — wurde aber auch Fasswein in großen Mengen nach Frankreich geliefert, um zum Beispiel in Bordeaux den dortigen Gewächsen Farbe und Extrakt zu verleihen. Dieser Absatzkanal ist zum Glück aufgrund eigener Mengen längst verstopft, und für einen Teil der offenen Weine springen nun andere Abnehmer ein, vor allem die ehemalige Kolonie Angola. Doch geht der Wein aus der Estremadura nicht mehr länger sang- und klanglos in den Erzeugnissen anderer Regionen unter, sondern wird ganz selbstbewusst zumeist unter der Bezeichnung Vinho Regional Estremadura angeboten oder trägt den Namen einer DOC innerhalb des Gebiets.

HOCHWERTIGE REBSORTEN
Einer der Gründe, weshalb Weine aus der Estremadura heutzutage nicht mehr als anonyme Tropfen gehandelt werden, liegt in der Neustrukturierung der Weinbauflächen. Denn die wichtigste und durchgreifendste Veränderung in der Region wurde im Bereich der Rebsorten vollzogen. Nach und nach trennten sich die meisten Erzeuger von Sorten, die zwar reichlich Ertrag brachten, jedoch unter dem Aspekt der Qualität nur von geringer Bedeutung waren. Dafür wurden hochwertigere Rebsorten angepflanzt, und zwar nicht nur wichtige einheimische, sondern auch bekannte internationale Reben wie Cabernet Sauvignon, Syrah oder Chardonnay.

EINE APPELLATION FÜR QUALITÄTS-LANDWEINE
Von enormer Wichtigkeit war zudem die Einführung der Bezeichnung Vinho Regional Estremadura im Jahr 1993, die den Winzern die Möglichkeit eröffnete, aus dem doch eher engen Korsett der für die DOCs zugelassenen Rebsortenpalette herauszuschlüpfen und in ihren Weinbergen die jeweils geeignetsten Reben anzupflanzen. Heute können daher die Betriebe mit einer Fülle verschiedener Sorten arbeiten, dadurch individuellere Weine und Weinstile erzeugen und somit nahezu jedem Geschmack gerecht werden. Auch sind die Winzer nun in der Lage, schneller auf die sich jeweils ändernden Geschmacksanforderungen des nationalen wie internationalen Marktes einzugehen. So ist es wenig erstaunlich, dass mittlerweile gut 90 % aller in der Region zertifizierten Weine unter der Kategorie Vinho Regional Estremadura angeboten werden und die Bedeutung der neun DOC-Appellationen mit ihrem geringeren Variantenreichtum entsprechend abgenommen hat.

NEUN DOCS IN EINER REGION
Dennoch sind die neun DOC-Gebiete für die Region nach wie vor von Wichtigkeit. In ihnen werden eigenständige, manchmal durchaus eigenwillige Weine erzeugt, die einen Teil des unverwechselbaren Charakters der Estremadura ausmachen. Ohne sie würde die Region verarmen, nicht nur unter den Aspekten Tradition und ursprüngliche Geschmacksvielfalt. Der »Westen« ist eine in jeder Hinsicht abwechslungsreiche Region mit seinen DOC-Herkunftsbezeichnungen Encostas de Aire, Óbidos, Alenquer, Arruda, Bucelas, Torres Vedras, Lourinhã, Carcavelos und Colares, die sich jeweils voneinander nicht nur dem Namen nach unterscheiden. Geografisch gesehen liegen dabei die DOC-Gebiete Colares, Carcavelos und Bucelas südlich von Lissabon, während Alenquer, Arruda, Torres Vedras, Lourinhã und Óbidos sich im Zentrum der Region befinden. Ganz im Norden, an der Grenze zu Beiras, liegt die DOC Encostas de Aire.

DOC Encostas de Aire
Innerhalb der Estremadura ist Encostas de Aire mit seinen beiden Teilbereichen Alcobaça und Ourém die größte Appellation. Sie gilt als Lieferant von meist leichten, hellen Rotweinen und spritzigen, aromatischen und fruchtbetonten Weißweinen, die überwiegend aus der Produktion von Genossenschaften stammen. Der Veränderungsprozess innerhalb der Estremadura erreichte dieses Gebiet zuletzt, aufgrund seiner Betriebsstrukturen und Größe. Doch im Zuge der Modernisierung finden sich heute neben den traditionellen Rotweinsorten Baga und Castelão sowie der Weißweinsorte Fernão Pires nun auch andere weinbaulich interessante und wichtige Rebsorten, etwa Aragonez (Tinta Roriz), Touriga Nacional, Trincadeira, Cabernet Sauvignon und Chardonnay. Dadurch verändern sich nach und nach auch die Profile der Weine. Insbesondere die Roten gewinnen an Farbe, Körper und Intensität. Nach den DOC-Regeln müssen sie zu mindestens 65 % eine oder mehrere der Sorten Aragonez, Baga, Castelão, Tinta Miúda, Touriga Nacional und Trincadeira enthalten — zugelassen sind außerdem Alicante Bouschet, Caladoc, Grand Noir, Syrah, Alfrocheiro Preto, Amostrinha, Bastardo, Cabernet Sauvignon, Rufete und Touriga Franca. Ähnlich bei den Weißen: Sie müssen mindestens zu 65 % aus Fernão Pires, Ratinho, Tamarez und/oder Vital bestehen, außerdem erlauben die Bestimmungen die Verwendung von Bical, Cercial, Chardonnay, Rabo de Ovelha und Trincadeira Branca. In der Sub-Região Ourém sind nur die Weißweinsorte Fernão Pires und die Rotweinsorte Trincadeira erlaubt.

BAG-IN-BOX-WEINE
Als in der Region Estremadura noch vor allem Masse produziert wurde, standen rund 60 000 ha Rebfläche in Ertrag, und die Weingüter und Winzergenossenschaften steuerten etwa ein Viertel zur gesamten Weinproduktion Portugals bei. Mittlerweile hat sich das Bild stark gewandelt; es werden derzeit nur noch etwa 30 000 ha Weinberge bewirtschaftet. Zwar werden auch heute noch von riesigen Genossenschaftskellereien nicht unerhebliche Mengen als offene Weine vermarktet, Weine also, die nicht in Flaschen abgefüllt sind. Ein Großteil davon wird aber entweder direkt von Endkunden in Kanistern mitgenommen, oder die Betriebe füllen die Weine in Plastikschläuche ab, die in einen Karton gepackt werden — die sogenannte Bag in Box. Diese zumeist drei, fünf, zehn oder 20 Liter enthaltenden Gebinde erfreuen sich rasch zunehmender Verbreitung, nicht nur innerhalb der Landesgrenzen. Dazu muss gesagt werden, dass die Qualität der Schlauchweine in der Region Estremadura auf breiter Front zugelegt hat und immer mehr Konsumenten, ja sogar Weinliebhaber sich mit dieser praktischen Verpackungsvariante anfreunden. Schließlich hält sich der Wein im lebensmittelhygienischen Schlauch auch im angebrochenen Zustand rund drei Monate, ohne an Frische zu verlieren, da beim Zapfen keine Luft hineingelangt. Am Ende lässt sich die Verpackung auch praktisch und platzsparend entsorgen: Der Schlauch kommt in den gelben Sack, der Karton in die Papiertonne. Zudem wiegt der Wein in der Bag-in-Box-Verpackung wesentlich weniger als die entsprechende Menge in Glasflaschen.
Da nun auch viele Weingüter in der Estremadura die Bag in Box mit ansprechenden bis sehr guten Weinqualitäten füllen, ist das Gebiet auf dem besten Wege, bald europaweit den Weindurst der Kunden relativ kostengünstig stillen zu können. Denn der Kostenaufwand der Betriebe für den Kauf von Flaschen und Korken ist um einiges höher als der Aufwand für das Abfüllen in die Plastikschläuche. Dazu sind die Frachtkosten niedriger, nicht nur wegen des geringeren Gewichts, sondern auch wegen des im Verhältnis zu Flaschen kleineren Volumens — ein Kostenvorteil, den die Weingüter in der Regel an die Kunden weitergeben. Innerhalb einer bestimmten Kategorie von guten Alltagsweinen bietet die neue Verpackung also nur Vorteile für alle Beteiligten.

DOC Alenquer
Der DOC-Weinbaubereich Alenquer rund um die gleichnamige Stadt befindet sich etwa 50 km nördlich von Lissabon. Die Appellation gilt in qualitativer Hinsicht als die wichtigste der Region; einige der bedeutendsten Marken werden hier sowohl als DOC-Weine als auch unter der Bezeichnung Vinho Regional Estremadura produziert. Auf den rund 160 Weingütern kann man nicht selten schlossähnliche Gebäude bewundern, deren Geschichte meist in das Mittelalter zurückreicht. Das Gebiet liegt hinter den Kalkstein-hügeln der Serra Montejunto und ist dadurch vor den manchmal rauen atlantischen Winden gut geschützt. Die besten Weine mit DOC-Status werden zumeist auf Basis der roten Trauben Castelão, Aragonez (Tinta Roriz), Touriga Nacional, Trincadeira und Tinta Miúda produziert, die oft mit einem Anteil Alicante Bouschet, Touriga Franca, Cabernet Sauvignon oder Syrah verschnitten werden. Zugelassen sind außerdem Amostrinha, Baga, Caladoc, Camarate, Jaen, Preto Martinho, Tinta Barroca und Touri-ga Franca. Die Rotweine weisen ein schönes atlantisches Profil auf: Sie sind angenehm aromatisch, elegant und mit einer guten Tanninstruktur ausgestattet, die den Weinen Haltbarkeit verleiht. Die Weißweine werden überwiegend auf der Basis der Sorten Arinto, Fernão Pires, Rabo de Ovelha, Seara Nova und Vital produziert, wobei auch zunehmend Chardonnay als Cuvée-Partner eingesetzt wird. Außerdem sind Alicante Branco, Alvarinho, Jampal, Malvasia Rei, Ratinho, Sauvignon blanc und Viosinho zugelassen. Die Weißweine zeichnen sich vorwiegend durch ihre frische Frucht und eine lebendige Säure aus. In einigen kleinen Teilen der Gemeinde Alenquer dürfen nur weiße Sorten angepflanzt werden.

DOC Arruda
Die kleine DOC Arruda liegt sozusagen vor den Toren der Hauptstadt, direkt am Tejo. Die verträumt wirkende Landschaft mitten in den Hügeln hat einen beinahe märchenhaften Anstrich durch die vereinzelt anzutreffenden alten Windmühlen, die schon von den Römern angelegten Straßen und eine alte Burgruine. Bekannt ist das Gebiet vor allem durch seine Rotweine aus den Sorten Aragonez (Tinta Ro-riz), Castelão, Tinta Miúda, Touriga Nacional, Trincadeira, Alicante Bouschet, Cabernet Sauvi-gnon, Camarate, Jaen, Syrah, Tinta Barroca und Touriga Franca, die tiefrote, saftigfruchtige und konzentrierte Weine ergeben. Für Weißweine werden die Sorten Arinto, Fernão Pires, Rabo de Ovelha, Seara Nova und Vital (einzeln oder gemeinsam zu mindestens 70 %) empfohlen, als Verschnittpartner sind auch Alicante Branco, Chardonnay, Jampal, Malvasia Rei, Sauvignon Blanc und Viosinho zugelassen. Besonders Weine auf der Basis von Arinto und Fernão Pires, teils mit Chardonnay und Sauvignon Blanc angereichert, weisen in der Regel eine frische Frucht und eine animierende Säure auf.

DOC Bucelas
Der kleine DOC-Bereich um die Gemeinde Bucelas nördlich von Lissabon wurde offiziell im Jahr 1911 abgegrenzt und ist die einzige portugiesische DOC-Appellation exklusiv für Weißweine. Der Wein kann auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblicken — William Shakespeare erwähnte ihn schon in seinem Drama Heinrich VI. als »Charneco«, und der Herzog von Wellington machte ihn zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England populär. Dennoch stand das Gebiet um 1970 kurz vor dem Aus. Mittlerweile jedoch sind wieder rund 300 ha mit Reben besetzt, die von gut einer Handvoll Weingüter bewirtschaftet werden. Die Weine werden auf Basis der Rebsorte Arinto, die sich in diesem Mikroklima besonders wohlfühlt, produziert, gelegentlich um kleine Mengen der Sorten Sercial oder Rabo de Ovelha ergänzt. Im Bukett dieser hochklassigen Weißweine findet sich ein teils intensives Parfümaroma, untermalt mit blumigen und zitronigen Noten. Sie besitzen eine schöne Säure, die ihnen nicht nur in heißen Sommern sehr gut zu Gesicht steht. Aufgrund des rieslingähnlichen Charakters verliehen die Briten diesem Wein früher den Spitznamen »Portuguese Hock«, der portugiesische Rheinwein. Heute zählen die Gewächse aus Bucelas zur Spitze der Weiß-weinszene in Portugal und entwickeln sich meist nach einer Reifezeit von zwei, drei Jahren zu Weinen mit Finesse und Komplexität. Auch weiße Schaumweine werden unter der DOC-Bezeichnung aus denselben Trauben-sorten erzeugt. Sie verbinden fruchtige Noten mit schöner Frische und einer feinen, beständigen Perlage.

DOC Carcavelos
Der mittlerweile sehr klein gewordene DOC-Bereich gilt ausschließlich für rote und weiße Likörweine. Er liegt westlich von Lissabon und wurde bereits 1908 als Herkunftsregion, als Região Demarcada ausgewiesen. Der ehemalige portugiesische Premierminister Marquês de Pombal besaß hier im 18. Jahrhundert bei Oeiras ein Weingut mit dazugehörigem Schloss. Im Jahr 1756 ließ er die Grenzen des Weinbau-gebiets Douro definieren, um die Echtheit des Portweins zu schützen. Darüber hinaus erließ er die Verordnung, dass der Wein aus Carcavelos mit Portwein verschnitten werden durfte. Zu dieser Zeit waren die Carcavelos-Weine in England ausgesprochen populär und erzielten zum Teil stolze Preise, besonders bei Auktionen. In dem Gebiet der heutigen DOC Carcavelos wird seit über 300 Jahren in der Hauptsache auf Grundlage der weißen Rebsorte Galego Dourado ein angenehm süßer, bernsteinfarbener Des-sertwein mit rosinenartigem und nussähnlichem Aroma produziert. Für weiße Likörweine sind außerdem die Sorten Arinto und Ratinho zugelassen, rote Likörweine müssen zu mindestens 75 % aus Castelão und/oder Preto Martinho bereitet sein. Der oft trocken ausgebaute Wein wird mit Branntwein aufgespritet, um letztlich zwischen 15 und 22 Vol.-% Alkohol zu er-reichen, dann mit Traubenmost gesüßt und anschließend meist drei bis fünf Jahre im Holzfass ausgebaut. Bedauerlicherweise müssen die derzeit noch verbliebenen Winzer einen letztlich wohl wenig aussichtsreichen Kampf sowohl gegen die sich weiterhin ausbreitende Hauptstadt als auch gegen die boomende Tourismusindustrie führen, die sich hier an der Westküste immer schneller entwickelt. So ist die Zukunft dieser bereits stark geschrumpften Weinregion, die gegenwärtig über kaum mehr als 10 ha Rebfläche verfügt, sehr ungewiss. Aber es ist zu hoffen, dass die übrig gebliebenen Winzer den Grundstücksspekulanten widerstehen, um den unter Kennern beliebten Likörwein aus Carcavelos auch weiterhin nicht völlig in Vergessenheit geraten zu lassen. Es wäre sehr schade um dieses vinophile Kleinod.

ÜBERLEBENSKÜNSTLER
Die Rotweinsorte Ramisco wird fast nur noch in der DOC Colares angebaut — ein aufwendiges Unterfangen vor allem bei Neupflanzungen, denn wegen der hier vorherrschenden sandigen Böden müssen erst einmal metertiefe Löcher gegraben werden, damit die Wurzeln der Weinstöcke überhaupt den Untergrund aus Ton oder Kreide erreichen können. Sobald sich die ersten Fruchtansätze an den sehr langen Rebstöcken zeigen, die sich zuerst horizontal ausdehnen, werden die Reben an Bambusstöcken oder Gabelstangen hochgebunden. So können die Trauben frei hängen und werden gut durchlüftet, damit sich keine Fäule bilden kann. Um jede Rebe herum wird ein kleiner Schutzwall errichtet, entweder aus Natursteinen und Schilf oder aus hohen Bam-buszäunen, um die Reben vor den salzigen Atlantikwinden zu schützen, die hier zum Teil extreme Geschwindigkeiten erreichen können. Heute werden diese Wälle allmählich durch widerstandsfähigere und weniger reparatur-anfällige Plastikzäune ersetzt. Kein Wunder, dass die Sorte Ramisco als Überlebenskünstler angesehen wird, hat sie doch so-gar die Reblausplage überstanden, vermutlich dank eben jenes meterdicken Sandbodens. Auch heute noch wird diese Rebe wurzelecht angebaut und nicht, wie seit dem Reblaus-desaster sonst allgemein üblich, auf Unterlagsreben aufgepfropft.

DOC Colares
Ein ähnliches Schicksal wie die DOC Carcavelos erleidet seit Jahren auch die ebenfalls stark geschrumpfte, direkt am Atlantischen Ozean gelegene DOC Colares. Einst galt sie als eines der berühmtesten Rotweingebiete Portugals, und die hier fast ausschließlich angebaute rote Sorte Ramisco hat sogar die Reblausplage überstanden. Auch die Weine aus diesem Gebiet, die bereits im 14. Jahrhundert exportiert wurden, gelten als Überlebenskünstler. Aufgrund ihrer rassigen Säure und des starken Tanningerüsts sind sie viele Jahrzehnte lang haltbar; selbst ein rund 40 Jahre alter Wein aus Colares kann noch so viel Säure aufweisen, dass er anstandslos etliche weitere Jahre im Keller verbleiben dürfte. Gute Rotweine, die erst nach mehrjährigem Ausbau im Holzfass abgefüllt werden, weisen vor allem eine wunderbar feine, reife Beerenaromatik auf, mit Anklängen von Laub und erdigen Noten, und präsentieren sich kraftvoll mit viel Ausdruck. Weshalb diese frühere Kult-Region einem ungewissen Schicksal entgegensehen muss, liegt zum einen an der idyllischen Lage in Strand-nähe, die zum Objekt der Begierde wohlhabender Hauptstädter geworden ist, zum anderen aber auch an der mühseligen Handarbeit, die den Winzern hier am windgepeitschten Atlantik abverlangt wird. Dennoch bleibt auch in der DOC Colares zu hoffen, dass die verbliebenen rund 10 ha Rebflächen nicht verschwinden. Denn diese Weine entsprechen zwar nicht dem momentan international so hoch gehandelten Ideal eines auch schon jung trinkfertigen Rotweins mit viel Frucht und Eleganz, aber sie sind ein gutes Stück Weinkultur mit eigenwilligem Charakter. Ein Colares ist ein Wein mit ausgeprägter Individualität, den man, heute gekauft, auch noch in ein paar Jahrzehnten mit seinen Enkeln zusammen genießen kann. Derzeit gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer, denn in letzter Zeit wurden vereinzelt Reben in einem modernen Erziehungssystem angepflanzt, ein Hinweis, dass man die Sorte Ramisco nicht völlig aufgeben will.

DOC Torres Vedras
Dieser DOC-Bereich für Weißweine und in geringem Umfang auch für Rotweine hieß früher nur Torres, bis der spanische Erzeuger Miguel Torres erfolgreich dagegen protestierte. Die Weinberge erstrecken sich von der Serra Monte-junto bis zur Küste und sind vorwiegend mit den weißen Sorten Arinto, Fernão Pires, Rabo de Ovelha, Seara Nova und Vital bestockt. Zugelassen sind außerdem Alicante Branco, Alvarinho, Antão Vaz, Chardonnay, Malvasia Rei, Sauvignon Blanc und Viosinho. Angesichts der mäßigen Bedeutung der Rot-weinproduktion ist die Bandbreite der empfohlenen Sorten recht groß: Mindestens 70 % müssen aus den Sorten Aragonez (Tinta Roriz), Castelão, Tinta Miúda und/oder Touriga Nacional gekeltert sein, dazu können als Cuvée-Partner Caladoc, Trincadeira, Alicante Bouschet, Cabernet Sauvignon, Camarate, Jaen, Syrah, Tinta Barroca und Touriga Franca kommen. Die Rotweine sind meist fruchtig und blumig, während sich die Weißweine überwiegend leicht und frisch-fruchtig präsentieren. Weißweine mit besonders niedrigem Alkoholgehalt werden mit der generellen Bezeichnung Vinho Leve auf den Markt gebracht.

DOC Óbidos
Der DOC-Bereich für Rot- und Weißweine ist nach der gleichnamigen Stadt benannt, die er umgibt. Die Weißweine werden vor allem aus den einheimischen Trauben Arinto, Fernão Pires, Rabo de Ovelha, Seara Nova und Vital gekeltert (mindestens 70 % von ihnen — einzeln oder gemeinsam — müssen im Verschnitt enthalten sein), zugelassen sind darüber hinaus die Sorten Alicante Branco, Chardonnay, Malvasia Rei und Ratinho. Die Rotweine bestehen überwiegend (mindestens 65 %) aus Aragonez (Tinta Roriz), Castelão und/oder Touriga Nacional, dazu kommer Alicante Bouschet, Caladoc, Syrah, Tinta Miú da und Touriga Franca. Der größte Teil der Weinproduktion wird je doch zu Branntwein destilliert.

DOC Lourinhã
Das Gebiet umfasst die Gemeinde Lourinhã so. wie Teilbereiche von Peniche, Óbidos, Bombarral und Torres Vedras. Hier werden aus schließlich Aguardentes aus der roten Sorte Cabinda sowie aus den weißen Sorten Alicante Branco, Alvadurão, Boal Espinho Marquinhas, Malvasia Rei und Tália produziert Im Jahr 1992 wurde das Gebiet zur DOC für Aguardente ernannt. Es ist somit die einzige portugiesische Appellation, die sich nur mi Bränden befasst und neben Armagnac und Cognac der dritte weingesetzlich definierte Bereich für Weinbrand innerhalb der EU. Der in Flaschen gefüllte Aguardente Vínica Velha muss zuvor zumindest zwei Jahre in Eichen- oder Kastanienfässern reifen.

ÜBERZEUGENDE QUALITÄT BEIM VINHO REGIONAL
Das große Potenzial der Region Estremadura zeigt sich aber vor allem bei den Weinen, die unter der Bezeichnung Vinho Regional Estremadura abgefüllt werden. Hier ist es nicht zuletzt die Vielfalt der verwendeten Rebsorten, die eine große Bandbreite wirklich überzeugender Weine begünstigt hat.

Groß und klein
Dabei zeigen kleinere ebenso wie einige sehr große Betriebe ihr wahres Können. Dass die enorme Größe eines Weinguts sich nicht, wie häufig angenommen, negativ auf die Qualität der Weine auswirken muss, beweist etwa die Firma DFJ Vinhos, deren Weinmacher José Neiva Correia als einer der international am meisten ausgezeichneten Kellermeister des Landes gilt. Das kann er mit schönen Alltagsweinen wie dem Portada aus den Sorten Caladoc und Tinta Roriz (Aragonez) ebenso unter Beweis stellen wie mit gehobeneren Gewächsen, etwa dem fruchtbetonten Manta Preta Reserva aus Touriga Nacional und Tinta Roriz. Erst recht zeigt sich seine Klasse bei der Grand'Arte-Linie sortenreiner Weine. Der Grand'Arte Caladoc beispielsweise, eine Rarität unter Portugals Roten, weist schöne Kirschen- und Beerenaromen auf und zeigt dazu blumige und würzige Noten. Auch die Quinta Margem d'Arada belegt übrigens nachdrücklich, dass Caladoc als Solist mit schöner Frucht eine Zukunft haben kann. Eine weitere Spezialität von DFJ Vinhos ist der Gran-d'Arte Alicante Bouschet, den José Neiva als erster seiner Zunft sortenrein abgefüllt hat.

Reinsortige Köstlichkeiten
Die Quinta da Cortezia-Vinhos hat auf einem anderen Gebiet Pionierarbeit geleistet. Als erster Weinbaubetrieb pflanzte sie in größerem Umfang die Sorten Touriga Nacional und Tinta Roriz (Aragonez) an. Ihr reinsortiger Touriga Nacional zählt mit seiner kraftvollen Frucht zu den besten Weinen des Gebiets. Ebenfalls einen reinen Touriga Nacional produziert die Quinta do Carneiro, die dazu einen reinsortigen Arinto anbietet. Dass sich Touriga Nacional aber auch mit Cabernet Sauvignon verträgt, zeigt eindrucksvoll die Companhia das Quintas mit ihrem hocharomatischem Quinta de Pancas Premium. Fast als Exoten der Region kann man dagegen die Quinta do Casal Branco bezeichnen, die jeweils einen reinsortigen Cabernet und Merlot führt, ebenso wie die Quinta do Monte d'Oiro, die als einer der ganz wenigen Erzeuger des Landes mit einem fruchtigen, würzigen, ausdrucksstarken Viognier der gleichnamigen weißen Rebsorte aufwarten kann. Die Companhia Agrícola do Sanguinhal wiederum kann für sich in Anspruch nehmen, mit ihrem Reserva einen Wein abzufüllen, der seit 1920 stets das gleiche Etikett trägt und somit quasi der älteste Wein des Landes mit gleichem Erscheinungsbild ist. Zu den Stars der Region zählt die 1920 gegründete Casa Santos Lima, dessen Besitzer José Luis Santos Lima Oliviera da Silva unter der Linie Quinta da Boavista eine Vielzahl moderner Cuvées aus heimischen Rebsorten anbietet. Aber es sind nicht nur die großen Erzeuger, die Großes bieten können. So gilt die Quinta de Chocapalha mit ihren beiden Aushängeschildern — einem Reserva (Touriga Nacional und Tinta Roriz mit etwas Alicante Bouschet und Cabernet) und einem reinsortigen Cabernet Sauvignon — trotz einer Gesamtproduktion von nur 60 000 Flaschen zu den international renommiertesten Weingütern der Region. Wer neben guten Weinen auch ein einzigartiges Ambiente sucht, ist bei der zu Bacalhôa (vormals J. P. Vinhos) gehörenden Quinta dos Lori-dos bestens aufgehoben. Die neu eingerichtete Kellerei ist für jeden Besucher einen Rundgang wert, und nach dem Genuss der hier erzeugten Schaumweine kann man in den angrenzenden großzügigen Gärten im orientalischen Stil die Seele baumeln lassen.

TOURISTISCHE HIGHLIGHTS
Aber nicht nur für Reisende in Sachen Wein ist ein Besuch der Region empfehlenswert. Die Estremadura hat viele touristische Höhepunkte zu bieten. An der südlichen Küste, von Lissabon aus nach Westen, liegen die mondänen Seebäder Estoril und Cascais, die durch das Sintra-Gebirge vor den nördlichen Winden geschützt werden. An der Westküste wechseln sich Felsen und Sandstrände ab, und immer wieder findet man idyllische Fischerdörfer, von denen aus die Fischer mit ihren kleinen traditionellen Booten auf Fang gehen. Auch das Inland ist touristisch sehr interessant. Zu den größten Sehenswürdigkeiten zählen die Schlossanlagen von Sintra, die Scharen von Touristen anziehen. Aber nicht nur diese Anlagen sind sehenswert, das ganze Sintra-Gebirge präsentiert sich wie ein einzigartiger großer Park. Überall im wuchernden Grün findet man Schlösser und alte, schlossähnliche Herrenhäuser, umgeben von einem Meer aus Blüten. Im Norden der Region, unweit der Serra de Aire, bildet die Wallfahrerstadt Fátima einen weiteren Besuchermagneten. Das Land ist hügelig und von einigen Gebirgen durchzogen, wobei man in Portugal unter Gebirge oft nur eine höhere Hügelkette zu verstehen hat. Die Atlantikluft bringt auch in niederschlagslosen Zeiten viel Feuchtigkeit mit, so dass sich besonders in Höhenlagen Wasser als Tau abscheidet, weshalb die Region sehr grün wirkt. Das Wahrzeichen der Estremadura sind aber die häufig anzutreffenden alten Windmühlen, die den kräftigen Wind vom Atlantik her ausnutzten. Die Estremadura: ein idyllisches Gebiet mit steigender Weinqualität und noch viel Potenzial, das sich auf dem Weg zu internationaler Reputation befindet.


Quelle: "Portugal und seine Weine" - Gräfe und Unzer Verlag GmbH / ViniPortugal