Weinregion: Porto & Douro

»Lord der Weine« nennt man ihn teils ironisch, teils ehrfurchtsvoll: den Portwein, seit Jahrhunderten der bekannteste Exportschlager Portugals. Portwein ist ein mit üblicherweise farb-und geschmacksneutralem Weindestillat auf rund 20 Vol.-% Alkohol verstärktes Getränk, dessen beste Qualitäten bei Auktionen gesucht sind und teuer bezahlt werden, nicht zuletzt seit neben den Briten, die als Erfinder dieser Spezialität gelten, auch die Franzosen und der amerikanische Markt den feurig-edlen Geschmack der erlesenen Weine entdeckt haben. Den Originalnamen Vinho do Porto, Wein aus Porto, verdankt die überwiegend rote Spezialität der alten Hafenstadt Porto, von der aus der Wein erstmals verschifft wurde. Wer von einschlägiger Lektüre unbelastet das erste Mal in der Metropole am Atlantik eintrifft, um die Heimat des Portweins kennenzulernen, wird im Umkreis allerdings vergeblich nach Weinbergen suchen. Nur in den Vororten stößt man vereinzelt auf Rebstöcke in Vorgärten, deren Früchte jedoch niemals ein Portweinfass von innen sehen. Kein Wunder, denn in Porto, genauer gesagt in der Schwesterstadt Vila Nova de Gaia, die auf der gegenüberliegenden Seite des hier in den Ozean mündenden Flusses Douro liegt, werden die Portweine nur in Fässern gelagert und abgefüllt. Die Trauben selbst wachsen in der knapp 100 km östlich beginnenden Douro-Region, die im vorderen Teil dieses Kapitels näher beschrieben ist.

WIE PORT ENTSTEHT
Bis der Wein im Fass liegt, ist Schwerstarbeit zu leisten. Vorwiegend aus den Dörfern der Umgebung kommen traditionell zur Erntezeit die Helfer, die in ihren geflochtenen Körben die prallen Trauben einsammeln. Da Schiefer die Wärme des Tages speichert und nachts an die Rebstöcke wieder abgibt, kühlt es in den Weinbergen nie richtig ab. So wird das Traubenlesen schnell zu einer schweißtreibenden Sache. Noch anstrengender ist jedoch die Arbeit, die es abends zu verrichten gilt. Zwar werden mittlerweile die meisten Portweine maschinell gepresst, doch einige der besten Qualitäten werden noch immer in Lagares mit den Füßen gestampft, wie in alten Zeiten. Bereits nach wenigen Tagen Gärung hat der Most die jeweils gewünschte natürliche Restsüße erreicht. Sobald etwa die Hälfte des Zuckers in Alkohol umgewandelt ist, hört man auf, die Trauben zu treten und lässt die gärenden Traubenhäute an die Oberfläche des Lagar steigen.

DOC PORTO
Lage: Die Douro-Region ist offiziell in die drei Bezirke Baixo Corgo, Cima Corgo und Douro Superior aufgeteilt und reicht bis zur spanischen Grenze. Die DOC Porto gilt für weiße und rote aufgespritete Weine (»Portweine«) und ist vom Gebiet her deckungsgleich mit der DOC Douro.
Rebsorten: Die meisten roten Portweine werden aus den Sorten Tinta Barroca, Touriga Franca, Touriga Nacional, Tinta Roriz (Aragonez) und Tinto Cão bereitet, es dürfen aber andere Trauben darin enthalten sein, u.a. Bastardo, Malvasia Preta, Rufete oder Trincadeira. Bei den weißen Sorten stehen Síria (Roupeiro, hier auch Côdega genannt), Rabigato und Malvasia Fina im Fokus, zugelassen sind u.a. aber auch Arinto (Pedernã), Donzelinho, Sercial und Verdelho. Weinstile: Portwein wird in einer Vielzahl von Stilen bereitet, von trocken bis süß, von rubinrot bis fast schwarz.


Der teilvergorene Most wird anschließend unterhalb der Schalen abgelassen, in rund 550 Liter fassende Fässer, die Pipas, gefüllt und mit hochprozentigem jungem Weindestillat vermengt, das die Gärung sofort stoppt. Ein großer Teil des natürlichen Fruchtzuckers der Trauben bleibt so im fertigen Portwein erhalten. Zu 450 Litern Wein kommen im Schnitt 100 Liter Weinbrand oder Weindestillat, bis der gesetzlich vorgeschriebene Alkoholgehalt von 19 bis 22 Vol.-% erreicht ist.

Das Aufspriten

Die Beimischung von Alkohol wird in Portugal als Benefício, Wohltat, bezeichnet. Wann man mit dieser Praxis begonnen hat, lässt sich nicht genau feststellen. Zunächst dürfte es sich um eher geringe Branntweinzugaben gehandelt ha¬ben, die die Stabilität der Weine beim Transport erhöhen sollten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm das Aufspriten die heu-tigen Ausmaße an. Zumindest sprach sich noch um 1850 Baron Forrester, damals einer der renommiertesten Erzeuger, strikt gegen jegliche Zugabe von Branntwein aus. Heute wird die Gärung sämtlicher Portweine, egal ob rot oder weiß, Vintage oder Ruby, durch Beimischung von meist 76 bis 78 % starkem Weinbrand beziehungsweise 98%igem Weindestillat gestoppt. Der Zeitpunkt des Benefício entscheidet dabei über den verbleibenden Restzucker, also die Süße des Portweins, und auch die Menge, die zugegeben werden muss. Je stärker der Wein bereits vergoren ist, desto weniger Alkohol wird hinzugefügt. Jeder Hersteller hat dabei seinen eigenen Stil, den er durch die Traubenqualität, die verwendeten Rebsorten, Restsüße und Alkoholgehalt erzielen kann. Auch die Verwendung von möglichst völlig neutralem Destillat bis hin zu einem Brand mit eigenständigem Charakter unterscheidet die Endprodukte. Nach dem Aufspriten reifen die Weine in Fässern (nur bei einfachen weißen Portweinen werden auch Tanks verwendet), bis sie als Ruby, Tawny, Colheita, Reserve, Vintage Character, LBV oder Vintage nach frühestens zwei Jahren auf Flaschen gezogen werden.

DIE PORTWEINSORTEN
Man unterscheidet begrifflich zwischen fassgereiften und flaschengereiften Portweinen, wobei im Grunde jeder Port zunächst in Fässern reift. Die Definition ist daher eher verschwommen, und ein Unterschied lässt sich im Grunde nur bei älteren Jahrgängen in der Aromatik ausmachen. Bei den fassgereiften Portweinen entwickelt sich der Geschmack mehr in Richtung Trockenfrüchte, vor allem getrocknete Feigen.

FLASCHENGEREIFTE PORTWEINE

Vintage Port
Diese herausragenden Qualitäten gelten als die Könige unter den Portweinen. Sie sind eine Spezialität aus einem als außergewöhnlich gut deklarierten Jahrgang. Ein Vintage wird im Allgemeinen nach zwei Jahren in Flaschen gefüllt und kann dann problemlos jahrzehntelang lagern. In seiner Jugend weist er ein dunkles Lila auf, das manchmal fast in Schwarz übergeht. Mit zunehmendem Alter verliert er an Farbe und wird immer heller bis hin zu einem zarten Orangeton. Er sollte sehr behutsam dekantiert werden, damit sein Depot, also der Bodensatz, der sich im Lauf der Jahre in der Flasche bildet, nicht zu sehr aufgewirbelt wird. Nach dem Öffnen empfiehlt es sich, den Wein innerhalb von zwei Tagen zu trinken, weshalb er häufig auch in halben Flaschen angeboten wird. Nach dieser Zeit kann es bereits Geschmackseinbußen geben. Allerdings kann es durchaus einmal interessant sein, bei einem jungen Vintage über zwei Wochen hinweg zu verfolgen, wie er sich allmählich verändert. Ein sehr alter Vintage jedoch kann nach dem dritten Tag bereits ungenießbar werden.

Single Quinta Vintage Port
Während die Trauben für Portweine in der Regel aus ganz verschiedenen Lagen und Weingütern stammen, wird ein Single Quinta Port ausschließlich aus den Trauben des auf der Flasche angegebenen Weinguts bereitet. Das muss aber nicht heißen, dass dieser Wein unbedingt besser ist als der Vintage eines renommierten Hauses. Denn die Anforderungen bei der Auswahl der Ernten für die Deklaration eines Single Quinta Vintage sind weniger streng. Vor allem größere Betriebe wie Taylor's oder die Quinta do Noval bieten sowohl einen Vintage als auch einen Single Quinta Vintage an. Es gibt zwar eine Reihe herausragender Single Quinta Vintage Ports, doch schmeckt ein Vintage, bedingt durch die größere Auswahl an verschiedenen Lagen und Rebsorten, sehr oft besser.

Late Bottled Vintage (LBV)
Late Bottled Vintage ist ein Port eines besonders guten Jahrgangs, der mindestens zwei, manchmal aber auch vier bis sechs Jahre im Fass lagert und insofern eine Art Zwitterwesen zwischen einem flaschen- und einem fassgereiften Port darstellt. Er wird von etlichen Häusern nach Bedarf abgefüllt und weist zumeist keinen Bodensatz auf. Auf dem Etikett muss der Jahrgang und das Abfülljahr angegeben sein. Ein geöffneter LBV ist mindestens zwei Wochen haltbar. Eine Zeit lang wurden einige LBVs mit dem Zusatz »Traditional« angeboten. Solche Weine wurden wie ein Vintage ohne Schönung und Filtrierung direkt vom Fass abgefüllt und entwickeln sich wie der Vintage in der Flasche noch weiter. Da diese Zusatzbezeichnung aber Ende der 1990er-Jahre untersagt wurde, verwendet man seitdem den Begriff »Unfiltered«. Diese Qualitäten sollten nach längerer Flaschenlagerung dekantiert werden, da sie wie ein Vintage mit der Zeit ein Depot bilden.

Vintage Character
Diese Ports sind im Allgemeinen hochwertige Qualitäten und ähneln einem Vintage. Sie sind im Regelfall Verschnitte aus vier bis sechsjährigen Weinen mit viel Frucht, Fülle und Komplexität. Es werden höherwertige Grundweine verwendet als beim Ruby. Sie sind außerdem farbintensiver und im Geschmack kräftiger.

Garrafeira
Eine Rarität, die einem später abgefüllten Vintage ähnelt. Nach drei bis sieben Jahren im Fass wird der Wein zur Depotabsetzung in etwa zehn Liter fassenden Glasbehältern gelagert. Wenn er dann auf die Flasche gezogen wird, hat er nur sehr wenig oder gar kein Depot mehr.

FASSGEREIFTE PORTWEINE

White Port
Der Weiße Port wird nur aus weißen Sorten bereitet. Es gibt ihn in nahezu allen Geschmacksrichtungen und er sollte stets auf etwa 10 °C gekühlt getrunken werden. In den Varianten Extra Dry und Dry stehen die weinigen Komponenten dieses Ports im Vordergrund, bei süßen Ports dagegen dominieren oft nussige Aromen. White Port wird manchmal in Edelstahltanks gelagert, die besten Qualitäten aber bis zu acht Jahre in Holzfässern, gelegentlich sogar noch länger. Beliebt ist er besonders als Aperitif. Durch seine feinwürzige Art eignet er sich gut in der Kombination mit Zitrone oder auf Eis als Longdrink mit Tonic Water.

Ruby
Die einfachste Qualität bei den roten Portweinen sind die Rubys. Die Weine haben eine dunkle, rubinrote Farbe, die ihnen auch ihren Namen verleiht. Sie werden aus verschiedenen Weinen und Jahrgängen bereitet, reifen bis zu vier Jahre in Fässern und sind meist süß, sehr fruchtbetont und unkompliziert — manchmal leider auch etwas nichtssagend. Die guten Port-häuser erzeugen jedoch in der Regel ausgezeichnete Rubys, die eine herrliche Balance zwischen Süße, Fruchtaromen und reifen Tanninen bilden. Ein guter Ruby ist auch wegen seiner leichten pfeffrig-fruchtigen Schärfe sehr interessant. Die beste Trinktemperatur für Rubys, wie für alle anderen roten Portweine, liegt bei 16 bis 18 °C.

Tawny
Diese mindestens fünf Jahre gereiften Weine gelten als die Klassiker der fassgereiften Ports. Sie sind eher leicht, feinfruchtig und müssen nicht dekantiert werden. Dazu gibt es 10, 20, 30 und über 40 Jahre alte im Fass gereifte Tawnys, die zu den gehobenen Qualitäten zählen. Je länger die Ports in den Holzfässern reifen, umso mehr verlieren sie ihr ursprüngliches Rot und werden tabakfarben bis bräunlich (tawny bedeutet auf englisch gelb- oder bernsteinbraun). Sehr alte Tropfen bekommen orange- bis stroh¬farbene Reflexe oder gehen sogar in ein leichtes Olivgrün über 30 und mehr Jahre alte Tawnys sind gesuchte Raritäten, die nicht selten weit höhere Preise er¬zielen als junge Vintage-Weine. Reserve, Reserva oder Finest Reserve Dieser Port reift im Fass länger als ein normaler Tawny, aber im Regelfall nicht mehr als zehn Jahre. Die Qualität muss über der des jeweiligen normalen Tawnys eines Betriebs liegen.

Colheita
Die Trauben für einen Colheita stammen nur aus einem Jahrgang, der von den Kontroll-behörden als gut anerkannt wurde. Das Jahr der Ernte und das der Abfüllung müssen auf dem Etikett vermerkt sein, wobei eine Fassreife von sieben Jahren das Minimum ist. Meist kommt der Wein aber erst nach 15 und mehr Jahren auf den Markt. Colheitas duften oft nach Nüssen, Trockenfrüchten, Blüten, manchmal dazu nach Rosmarin und schmecken vorzüglich zu Desserts. Es gibt in manchen Häusern Qualitäten, die mehrere Jahrzehnte in den Fässern reifen und als rare wie hochkarätige Spezialität gelten.

Crusted
Crusted Port ist ein Verschnitt mehrerer qualitativ guter Weine verschiedener Jahrgänge. Die Reifezeit beträgt vier Jahre und mehr. Dieser Portwein wird nach mindestens drei Jahren der Fasslagerung ungefiltert abgefüllt und bildet dadurch im Verlauf des Reifeprozesses in der Flasche ein Depot, englisch crust (Kruste).

DIE PORT-SPEZIALISTEN
Anfang des 18. Jahrhunderts ließen sich vor allem britische, deutsche und niederländische Familien in Porto nieder, um den Portwein zu vermarkten. Darunter waren Namen, die noch heute eine wichtige Rolle im Portweingeschäft spielen, wie etwa die später von Symington übernommenen Betriebe Graham, Dow und Warre, aber auch Taylor, Fonseca, Cockburn oder Sandeman. Zu den bekanntesten und renommiertesten Erzeugern zählen heute vor allem Taylor's, Fonseca, Graham's, Dow's, Croft, Delaforce, Niepoort, Warre, Churchill und Quinta do Silval, nicht zu vergessen die Quinta do Noval mit ihrem ebenso legendären wie teuren Vintage Nacional (siehe S. 73), wobei auch der normale Vintage des Hauses stets zu den besten seines Jahrgangs zählt. Einen sehr guten Namen haben auch die Häuser Ramos Pinto, nun im Besitz des Champagnerhauses Roederer, Rozès, Royal Oporto, Andresen, Poças, Vinhos Borges, Romariz, Krohn, Burmester, Kopke, Cálem und Barros. Die Liste wird vervollständigt von Namen wie Quinta do Passadouro, Quinta de la Rosa, Fonseca & van Zeller, Quinta do Vale Dona Maria, Quinta do Crasto und Quinta do Vale Meão. Mit Ausnahme von Passadouro pro-duzieren die meisten dieser kleinen, aber feinen Häuser ausschließlich Vintages. Die großen Firmen dagegen führen nahezu ausnahmslos alle Qualitäten, vom Ruby über diverse alte Tawnys bis zu Vintages. Die Weine führen entweder den Namen des Hauses oder sind nach einer dazugehörigen Quinta benannt, wie etwa die Quinta de Vargellas von Taylor's, die Quinta do Vesúvio der Symington-Gruppe und die Quinta do Panascal von Fonseca, die als eine der wenigen Portwein-Quintas großer Häuser auch direkt vor Ort besucht werden kann und eine schöne Tour durch die Weinberge anbietet. Wer Portwein heute noch für ein Altherrengetränk ansieht, kann sich beim Probieren etwa von Warre's Otima 10 oder 20 Years Old oder Graham's The Tawny leicht vom Gegenteil überzeugen. Beide Typen sind auch von der Flaschenoptik eher auf eine jüngere Zielgruppe abgestimmt.

Betörende Aromen
Aber wer die eindrucksvolle Bandbreite der Portweine wirklich kennenlernen will, sollte sich nach Möglichkeit einmal von jeder Qualität mindestens zwei Flaschen besorgen und dazu vielleicht noch ein paar Freunde einladen. Geteilter Genuss ist doppelter Genuss. Spätestens dann wird jeder zum Portwein-Fan werden. Schließlich finden sich im Vintage-Port, einem LBV oder einem guten Reserva, in 10, 20, 30 und 40 Jahre alten Tawnys oder in einem alten, fassgereiften Colheita die Aromen der halben Weinwelt in einer einzigen Flasche wieder. Da werden alle Sinne geweckt, betört von der Duftfülle und den nicht enden wollenden Aromen. Man riecht und schmeckt etwa die vielfältigen schwarzen und roten Früchte, Gewürze, Schokolade, Kaffee und den Duft der Pinienwälder Portugals oder die Kräuterteppiche der Bergweiden, und in alten Tawnys und Colheitas gesellen sich dazu Nusstöne und Trockenfrüchte. Spitzenportweine sind ein fulminantes Geschmackserlebnis: auf sie zu verzichten heißt, etwas zu verpassen.

Exzellente Speisenbegleiter
Auch bei Tisch sind Portweine vielfältig einsetzbar, nicht nur als Aperitif oder als Begleiter von Käse. Junge fruchtige Ports wie Reservas oder Vintages passen beispielsweise zu Rebhuhn, Fasan, Hirsch oder Wildschwein, vor allem wenn die Saucen gut gewürzt sind. Ein Tawny schmeckt herrlich zu warmer oder auch kalter Gänseleber, und ein junger Vintage oder LBV kann sehr gut mit einem Pfeffersteak kombiniert werden, da der grüne Pfeffer wunderbar zu den Tanninen und zur feinen Süße des Portweins passt. Ein Vintage schmeckt auch gut zu Desserts mit Bitterschokolade. Portugalreisende, die sich für Wein interessieren und deren Weg auch nach Porto führt, sollten auf jeden Fall das Instituto dos Vinhos do Douro e Porto besuchen. Dort werden Portweine aller Qualitätsstufen von einigen Dutzend Produzenten glasweise zum günstigen Preis ausgeschenkt.

EIN VINTAGE-PORT ENTSTEHT
Es ist Mitte September und sehr heiß im Hinterland von Porto. Das Thermometer steht bei fast 40 °C — am Douro zur Erntezeit nichts Ungewöhnliches. Die Menschen, die hier in den Weinbergen arbeiten, sind die Hitze gewohnt, und auch den Winzer und Kellermeister Dirk van der Niepoort stört sie nicht. In einer Staubwolke fährt ein LKW auf den Hof der Kellerei. Hier, in einem kleinen Ort nahe der Stadt Pinhão im Zentrum der Unterregion Cima Corgo sind die Seitenstraßen nicht geteert. Der Wagen hat Körbe mit Trauben geladen, einen Teil der mühsam gelesenen Ernte, aus der ein großer Vintage Port entstehen soll. Die Körbe werden entladen, die Trauben zum Aussortieren zunächst auf ein kurzes Fließband gelegt. Was für gut befunden wird, wandert in die Lagares und wird anschließend zwei Tage lang jeweils vier Stunden mit Füßen gestampft.

Die Gärung beginnt und wird gestoppt
Verpönt ist bei Niepoorts Topqualitäten die Verwendung von Reinzuchthefen. Bei 24 bis 28 °C Innentemperatur kommt die Gärung langsam auf natürliche Weise in Gang. In der Regel verbleiben die gärenden Trauben nicht länger als drei Tage in den Lagares, dann hat der Most nicht nur den gewünschten Farbton, sondern auch die ideale Restsüße und die unverkennbaren Aromen angenommen. Der halb vergorene Wein wird nun in Pipas gefüllt, Fässer, die bei den Erzeugern am Douro 550 Litern fassen (bei den Shippers in Porto gelten andere Maße). Die Reste aus Schalen und Kernen werden mit Holzpressen sanft ausgedrückt, der tiefrote, stark duftende Most dann in die jeweiligen Fässer mit dazugegeben, bevor der Branntwein zugesetzt wird. Von dem Trester wird anschließend Bagaceira gebrannt, die portugiesische Variante des Grappa.

Traubenauswahl nach Intuition
Auch bei der Traubenauswahl hat Niepoort seine eigenen Vorstellungen. Ihm sind weniger die einzelnen Sorten wichtig. Zusätzlich zu dem eigenen Rebgut kauft er daher meist auch bei zwei, drei anderen Winzern Trauben ein. »Wir haben über 80 Sorten in der Region, und ich halte wenig davon, immer nur die Top Cinco zu verwenden«, ist sein Credo. Daher versucht er sich bereits während der Ernte schon an einigen Probeverschnitten, um zu testen, was am besten für seinen Vintage geeignet sein könnte. »Meistens mache ich dann schon einen Verschnitt der höchsten Klasse. Das heißt, ich gebe Weine, die ich besonders mag, in ein großes Fass. Aber ich verschneide nicht unbedingt die gesamte Menge, sondern nur nach meinem momentanen Gefühl. Auch schon vor der Gärung verschneide ich oft in den Lagares Trauben aus verschiedenen Weinbergen. Das ist einfach Intuition.« Die erste große Auswahl kommt danach. Niepoort lässt den bereits mit Branntwein versetzten Port für zwei bis vier Tage in einem Edelstahlbehälter absetzen. Danach bleiben die besten Weine, teils getrennt, teils schon mit anderen verschnitten, bis spätestens März unbewegt auf der Feinhefe. Anschließend bringt er die Weine in sein Hauptgebäude in Vila Nova de Gaia und beginnt mit den eigentlichen Blends.

Die Feinarbeit
Niepoort und sein Kellermeister probieren alle Weine, die nach ihrer Ansicht für einen großen Vintage geeignet sind. »Meist haben wir neun Kandidaten, die als mögliche Komponenten für den Vintage infrage kommen. Davon machen wir größere und kleinere Verschnitte. Nur Weine, bei denen wir noch nicht sicher sind, ob wir sie mögen, lassen wir separat reifen.« Am Ende des Jahres wird mit dem Feinverschnitt begonnen. Dabei werden zwei Monate lang immer wieder verschiedene Blends probiert, um die richtige Weinqualität wie auch die Stilistik des Hauses unter einen Hut zu bringen. Im darauffolgenden Januar wird dann in der Regel der endgültige (oder fast endgültige) Verschnitt in einem oder mehreren großen Holzfässern gemacht. Wenn Niepoort dann im Spätherbst mit der Auswahl zufrieden ist, füllt er den Vintage in Flaschen ab und lagert ihn noch einige weitere Monate.

Alles muss stimmen
Das heißt aber nicht, dass der Wein danach schon genussfertig ist. »Bei einem Vintage muss alles stimmen. Farbe und Frucht müssen kräftig sein, aber auch die sogenannten inneren Werte wie Frische, Tannin und Länge sind für mich besonders wichtig. Der Abgang sollte filigran sein, darf anfangs aber auch durchaus grün und fast brutal erscheinen«, sagt Dirk van der Niepoort. Alles braucht seine Zeit. Ein Vintage Port ist schließlich nicht dafür gedacht, bereits im Babyalter getrunken zu werden.

DER LEGENDÄRSTE UND TEUERSTE PORTWEIN
Zur Legende wurde der Nacional Vintage Port der Quinta do Noval bereits lange, bevor Robert M. Parker den 1997er Jahrgang mit 100 Punkten bewertete. So gilt der 1931er bislang als der teuerste Port der Welt, nachdem eine Flasche 1991 auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung 3800 US-Dollar einbrachte. Dass der Nacional derart begehrt und kostspielig ist, hat nicht nur mit seiner herausragenden Qualität oder Seltenheit zu tun — durchschnittlich werden nur je 2000 bis 3000 Flaschen abgefüllt. Er ist auch deshalb einzigartig, weil man mit jedem Schluck ein Stück europäischer Weinbaugeschichte in sich aufnimmt. Denn die Weinstöcke des Nacional gehören zu den ganz wenigen wurzelechten Reben, die es noch in Europa gibt. Weshalb die Reblaus auf ihrem Vernichtungszug in der Douro-Region Ende des 19. Jahrhunderts einige dieser Pflanzen verschonte, ist nicht bekannt. Jedenfalls konnte António José da Silva, der die Quinta do Noval 1894 kaufte, einige Originalstöcke retten. Er züchtete sie weiter und bestockte 1925 damit einen 2,5 ha großen Weinberg nahe der Stadt Pinhão. Dass gleich der 1931erJahrgang derart für Furore sorgte, war eine Überraschung, immerhin waren die Reben damals nur zwischen vier und sieben Jahre jung. Auch wenn manchmal von 120 Jahre alten Reben die Rede ist — tatsächlich sind die Weinstöcke des Nacional im Durchschnitt »nur« 35 bis 40 Jahre alt. Dennoch ist der Durchschnittsertrag mit 15 bis 20 hl / ha extrem gering. Der Name »Nacional« ist auch nicht von der Reb¬sorte Touriga Nacional abgeleitet. In der Regel wird dieser Wein als Cuvée aus Touriga Nacional, Touriga Franca, Tinta Roriz, Tinto Cão und Sousão bereitet. Aber da seine Reben beinahe als einzige im Land noch direkt mit portugiesischem Boden verwurzelt sind und nicht, wie seit der Reblaus-plage üblich, auf Unterlagsreben aufgepropft, handelt es sich um so etwas wie ein nationales Monument. Zu den überragenden Jahrgängen zählt die Wein-presse übereinstimmend bislang 1931, 1963, 1994 und 1997. Aber auch die momentan noch sehr verschlossenen 2000er und 2003er haben das Potenzial, sich zu außergewöhnlich großen Nacional-Jahrgängen zu entwickeln. Man muss ihnen nur noch etwas Zeit lassen — mit Legenden sollte man schließlich behutsam umgehen.


 

 

Quelle: "Portugal und seine Weine" - Gräfe und Unzer Verlag GmbH / ViniPortugal